Wenn Zeit kostbar wird: Wie der Wünschewagen letzte Träume wahr werden lässt
Von Claudia Hurek
Münster. Schwerstkranke Menschen haben oft nur noch einen letzten Wunsch, und dieser Wunsch kann für sie von großer Bedeutung sein. Sei es der Wunsch, noch einmal das Meer zu sehen, ein Fußballspiel des Lieblingsvereins zu besuchen oder einfach nur ein letztes Mal mit der Familie im Lieblingsrestaurant zu essen – diese Wünsche sind tief mit Emotionen und Erinnerungen verbunden. Doch was passiert, wenn die Familie diesen Wunsch nicht erfüllen kann, weil der Patient liegend transportiert werden muss oder eine medizinische Betreuung notwendig ist?
Hier kommt der Wünschewagen des ASB (Arbeiter-Samariter-Bund) ins Spiel. Das Projekt Wünschewagen wurde 2014 ins Leben gerufen und hat seitdem unzähligen Menschen geholfen, ihre letzten Wünsche zu erfüllen. In Münster, einem der 23 Standorte in Deutschland, arbeitet ein engagiertes Team von 115 ehrenamtlichen Helfern, das im Jahr 2024 insgesamt 101 Fahrten durchgeführt hat. Diese Fahrten sind nicht nur eine logistische Herausforderung, sondern auch eine emotionale Reise für alle Beteiligten.
Der Wünschewagen ist ein umgebauter Krankenwagen, ausgestattet mit allem, was für eventuelle Notfälle benötigt wird, um den Fahrgästen Sicherheit und Komfort zu bieten – zudem aber auch so gemütlich, dass der Gast sich wohlfühlt. Birgit Bäumer-Borgmann (60), die Projektleiterin in Münster, hat einen klaren Fokus auf die Bedürfnisse der Fahrgäste. „Es darf sich jeder bei uns melden, sei es die Familie oder Freunde, die einen Wunsch des Patienten weitergeben“, erklärt sie. Der entscheidende Punkt ist, dass der kranke Mensch diesen Wunsch selbst äußern muss.
Häufiger Wunsch ist der Besuch am Meer, den rund 90 Prozent der Fahrgäste angeben. Aber auch andere Wünsche wie der Besuch eines Friedhofs, ein Stadionbesuch oder ein gemeinsamer Restaurantbesuch sind sehr gefragt. Die Verantwortung, ob eine Fahrt stattfinden kann, liegt bei den behandelnden Ärzten. Das Team hat ein großes Netzwerk aufgebaut, um die Erfüllung dieser Wünsche zu ermöglichen. „Wir können alles möglich machen, was mit unserem Fahrzeug erreichbar ist. Wir haben nur einen Gegner, das ist die Zeit“, sagt Bäumer-Borgmann.
Die Geschichten hinter den Fahrten sind oft bewegend. So war der jüngste Fahrgast erst drei Monate alt, und die Eltern wollten, dass ihr Baby einmal im eigenen Bettchen zu Hause liegt – ein Wunsch, den das Team gerne erfüllt hat. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass viele Menschen plötzlich ins Krankenhaus oder in ein Hospiz kommen, ohne die Möglichkeit zu haben, sich von ihrem Zuhause zu verabschieden oder ihre persönlichen Dinge zu ordnen. Häufig ist der Wunsch, sich von der eigenen Wohnung oder dem ehemaligen Heim zu verabschieden, ein zentraler Punkt für die Fahrgäste.
Die Dankbarkeit, die das Team von den Fahrgästen und ihren Familien erhält, ist für die Wunscherfüller*innen der schönste Lohn für ihre Arbeit. Die Wunschfahrten sind für den Fahrgast und eine Begleitperson kostenfrei, obwohl die durchschnittlichen Kosten für eine Fahrt bei etwa 1.500 Euro liegen. Diese Fahrten werden fast ausschließlich durch Spenden finanziert und finden an jedem Tag des Jahres statt – selbst an Heiligabend, wenn es notwendig ist.
Die Unterstützung durch die Gemeinschaft und die vielen Kontakte, die das Team pflegt, sind entscheidend für den Erfolg des Projekts. „Wenn wir nicht so tolle Kontakte hätten, würde einiges scheitern“, betont Bäumer-Borgmann. Die Geschichten, die sich hinter den Fahrten verbergen, sind oft berührend und zeigen, wie wichtig es ist, den Menschen in ihren letzten Tagen eine Freude zu bereiten.
Birgit Bäumer-Borgmann vom Wünschewagen lässt letzte Träume wahr werden.