Wildtierstation steht vor dem Aus

ASCHEBERG. Ein neugieriger Waschbär streckt die Pfoten durch das Gitter und greift nach einem Stück Zwieback. Geduldig reicht ihm Andrea Siegmund den Leckerbissen. Szenen wie diese sind auf ihrem Kotten in Ascheberg Alltag und zugleich Ausdruck tiefen Engagements. Seit knapp zwei Jahren betreibt die Tierfreundin dort eine private Wildtierstation, zuvor hatte Siegmund viele Jahre eine Auffangstation in Witten und kennt sich in diesem Metier aus. Die Aschebergerin ist Jägerin, Dozentin und Falknerin, fachlich macht ihr in dieser Hinsicht so schnell keiner etwas vor. Jetzt droht ihr Lebenswerk zu enden: Der Kreis Coesfeld will die Einrichtung bis spätestens 2027 schließen lassen.

Mit unermüdlichem Einsatz kümmert sich Andrea Siegmund um verletzte und verwaiste Wildtiere. Jährlich werden rund 30 bis 50 Rehkitze und Feldhasen bei ihr abgegeben. Sobald sie wieder gesund und „wildbahntauglich“ sind, werden diese ausgewildert. Tiere, die aufgrund eines Handicaps nicht mehr in die Natur zurückkehren können, dürfen auf dem Hof bleiben, sofern sie noch ein lebenswertes Leben führen können.

„Ich mache das aus Überzeugung“, sagt Siegmund. „Jedes Tier hat eine Chance verdient.“ Unterstützt wird sie dabei von einem ehrenamtlichen Helferteam, das täglich bei der Versorgung hilft. Alle Kosten für Futter, Pflege und Tierarzt trägt sie selbst. Die Tiere werden regelmäßig tierärztlich untersucht, die Haltungsbedingungen entsprechen laut Siegmund nicht nur den gesetzlichen Anforderungen, sondern übertreffen diese sogar.

Ganz anders bewertet der Kreis Coesfeld die Situation. In einer Stellungnahme teilt Pressesprecher Tobias König mit, dass im Kreisgebiet „keine Notwendigkeit für eine Wildtierauffangstation“ bestehe. Die Versorgung verletzter oder verwaister Wildtiere sei durch die Jagdausübungsberechtigten sowie eine 24-Stunden-Rufbereitschaft der Unteren Naturschutzbehörde sichergestellt.

Für aufgefundene Haustiere gebe es Tierheime, für Greifvögel spezialisierte Stationen. Ein zusätzlicher Bedarf bestehe nicht, so der Kreis. Zudem sei das Gelände von Andrea Siegmund baurechtlich problematisch: Im Außenbereich seien Tierhaltungen nur zulässig, wenn ein öffentliches Interesse bestehe oder sie einem landwirtschaftlichen Betrieb dienten. „Dieses öffentliche Interesse sehen wir nicht – insbesondere nicht bei Neozoen wie Waschbären“, so König.

Die 16 Waschbären, die bereits vor Siegmunds Umzug in ihrer Obhut standen, gelten aus behördlicher Sicht als invasive Art. Ihre Haltung sei daher kritisch, weil sie nicht wieder ausgewildert werden dürfen und keine naturschutzrechtliche Relevanz hätten. „Ein öffentliches Interesse an der Haltung solcher Tiere besteht ausdrücklich nicht“, heißt es in der Stellungnahme.

Andrea Siegmund sieht das anders: „Alle Waschbären sind kastriert, gechipt und können sich gar nicht mehr fortpflanzen. Ihre Haltung war dem Kreis bekannt und wurde nie beanstandet. In Ascheberg habe ich keine Waschbären mehr aufgenommen und werde dies in Zukunft auch nicht mehr tun. Aber sie sind nun mal da und sie sind gesund und munter.“

Die Entscheidung des Kreises stößt in Ascheberg und weit über die Ortsgrenzen hinaus auf großes Unverständnis. Eine Petition zum Erhalt der Wildtierstation hat in nur wenigen Wochen über 5500 Unterschriften gesammelt. Viele Bürgerinnen und Bürger sehen in Siegmunds Arbeit einen wichtigen Beitrag zum regionalen Tier- und Artenschutz.

„Das zeigt, dass es sehr wohl ein öffentliches Interesse gibt“, sagt eine Unterstützerin in der Kommentarliste der Petition. Auch aus dem Umfeld anderer Tierschützer gibt es deutliche Worte: „Andrea leistet, was viele Behörden gar nicht leisten könnten: schnelle, praktische Hilfe für Tiere in Not.“

Stefan Grünert, Hegeringsleiter aus Herbern, bewertet die Situation differenziert. Er lobt grundsätzlich den Tierschutzgedanken, kritisiert jedoch die private Haltung von Wildtieren: „Hier geht es nicht darum, die Notwendigkeit von Wildtierauffangstationen grundsätzlich infrage zu stellen“, erklärt Grünert. „Aber Frau Siegmund versucht, eine private und teilweise rechtswidrige Tierhaltung unter dem Titel Wildtierauffangstation zu legalisieren.“

Auf diese Aussagen reagiert Andrea Siegmund vehement: „Die Tiere sind nichts rechtswidrig bei mir, das ist nicht richtig. Von jedem Wildtier, das hier in Dauerhaltung ist, habe ich eine Genehmigung von den jeweiligen Jägern. Diese Bescheinigungen liegen auch dem Kreis vor.“

Wildtierauffangstationen seien wichtig, betont Grünert, sollten sich aber auf seltene oder bedrohte Arten konzentrieren. „Das Sterben gehört im Naturkreislauf dazu. Es ist eine falsch verstandene Tierliebe, jedes verletzte Wildtier aufpäppeln zu wollen.“ Grünert verweist auf bestehende Strukturen, etwa für Greifvögel, und plädiert stattdessen für praktische Hilfe in der Prävention: „Kitzrettung mit Drohnen bei der Mahd ist aus meiner Sicht eine sinnvollere Form des Tierschutzes. Hier hilft man Wildtieren, ohne sie ihrer Natur zu entfremden.“

Wie es für Andrea Siegmund und ihre Schützlinge weitergeht, ist unklar. Eine alternative Unterbringung, vor allem für die Waschbären, gibt es bisher nicht. Siegmund zeigt sich dennoch entschlossen: „Ich werde alles tun, um die Tiere gut zu versorgen.“ Ob die Behörden an ihrer Entscheidung festhalten, bleibt abzuwarten. Fest steht: Das Engagement der Aschebergerin hat eine Diskussion ausgelöst, die weit über die Gemeindegrenzen hinausreicht.

Während die Verwaltung auf rechtliche Vorgaben pocht, zeigt die große Unterstützung in der Bevölkerung, dass Mitgefühl und Ehrenamt für viele mehr zählen als Paragraphen. Und so streckt der Waschbär wieder seine Pfote durch das Gitter, in der Hoffnung auf einen weiteren Leckerbissen. Für Andrea Siegmund ist das ein stiller Beweis, dass sich ihr Einsatz lohnt.

Andrea Siegmund füttert einen ihrer Waschbären in der Wildtierstation auf ihrem Hof in Ascheberg

© Tina Nitsche